Die Energiekrise in Deutschland ist längst nicht überwunden. Noch immer werden Bürger und Unternehmen durch hohe Strom- und Wärmepreise belastet, gleichzeitig wird das Angebot an verfügbaren Energieträgern politisch verknappt. Nach dem Kohle- und Atomausstieg sowie dem auf EU-Ebene beschlossenen Verzicht auf russische Energielieferungen stellt sich heute mehr denn je die Frage: Wie soll Deutschland sicher und bezahlbar mit Energie versorgt werden? Eine bisher weitgehend unbeachtete Technologie stellt die Nutzung von Erdwärme in tiefen Gesteinsschichten dar. Die sogenannte tiefe Geothermie mit Bohrtiefen ab 400 bis zu 7.000 Metern ermöglicht eine grundlastfähige Versorgung mit Wärme und Strom, bedingt dabei jedoch risikoreiche und kostenintensive Tiefbohrungen. Die Investitionskosten für ein geothermisches Heizwerk liegen bei rund 2 – 2,5 Millionen Euro pro Megawatt installierter Leistung, wobei die Bohrung mit etwa 50 Prozent den größten Anteil ausmacht. Neue Projekte scheiterten zuletzt, weil Kommunen und Unternehmen das Risiko einer teuren Fehlbohrung vermeiden wollten. Auch erfolgreich in Betrieb genommene Anlagen sind jedoch nicht frei von Problemen, wie das Geothermie-Kraftwerk in Unterhaching zeigt. Die Anlage deckt dort zwar mittlerweile 60 % des Wärmebedarfs der Stadt, hat jedoch immer wieder mit Ausfällen infolge von Verkalkungen („Scaling“) und Korrosion des Systems zu kämpfen. Tiefe Geothermie ist also technisch und wirtschaftlich gesehen noch kein Selbstläufer, die unternehmerischen Risiken sind jedoch mittlerweile beherrschbar. Die staatliche KfW-Bank hat nun ein neues Förderprogramm aufgelegt, mit dem das finanzielle Risiko für Geothermieprojekte weiter reduziert werden kann. Kommunen und Unternehmen können über das neue Programm bis zu 25 Mio. Euro pro Bohrprojekt aufnehmen. Auch eine Vollfinanzierung mit bis zu 100 % der förderfähigen Kosten ist möglich. Die Besonderheit des Programms: Geothermie-Investoren müssen den Kreditbetrag nur im Falle einer erfolgreichen Bohrung zurückzahlen. Das finanzielle Risiko einer Fehlbohrung wird also vom Investor auf den Bund als KfW-Eigner verlagert – für viele Kommunen ein entscheidender Vorteil. Insbesondere kleine Städte und Gemeinden konnten das Risiko einer gescheiterten Bohrung bisher nicht eingehen, weil kommunale Haushalte durch derart große (potenzielle) Verluste in ernsthafte Schieflage geraten würden. Das neue KfW-Programm setzt genau an dieser Problemstellung an und wird die Geothermie in Deutschland damit wieder attraktiver machen. Auch durch neue technische Entwicklungen werden die unternehmerischen Unwägbarkeiten weiter reduziert. Neuartige horizontale Bohrverfahren wie der ´Eavor Loop´ eliminieren das Fündigkeitsrisiko weitestgehend. Eine Pilotanlage wurde bereits 2019 in Kanada in Betrieb genommen. Die Technologie wäre auch in Deutschland anwendbar, Fehlbohrungen könnten damit zukünftig nahezu vollständig ausgeschlossen werden.
Sowohl aus politischer als auch volkswirtschaftlicher Sicht ist ein verstärkter Fokus auf die Erdwärme dringend notwendig: Bis zum Jahr 2040 könnten rund 25 Prozent des deutschen Wärmebedarfs mit tiefer Geothermie abgedeckt werden, so hat es ein Konsortium der Fraunhofer-Gesellschaften sowie der Helmholtz-Gemeinschaft berechnet. Angesichts der instabilen Weltlage und der hohen Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten können wir es uns nicht leisten, auf lokal verfügbare Energieträger zu verzichten. Die tiefe Geothermie kann dazu beitragen, die nationale Energiesouveränität zu steigern – in diesen unruhigen Zeiten ein entscheidendes Argument.
Franz X. Bergmüller